Camino Francés · Etappe 33
Santiago de Compostela
Tag 37 · Etappe 33 · O Pedrouzo nach Santiago de Compostela · 19,4 km laut Führer
Am Vorabend der letzten und hoffentlich triumphalen Etappe schrieb ich noch kurz mit Swantje aus Rostock, von der ich annahm, dass sie längst angekommen sei. Weit gefehlt, sie verweilte seit zwei Tagen in O Pedrouzo, da sie sich so heftig am Kopf gestoßen hatte, dass sie wohl eine leichte Gehirnerschütterung hat. Krass! Das kam unerwartet. Sie will versuchen am Folgetag weiterzulaufen und ich insistiere, dass sie dies nicht allein macht, der Sicherheit halber. So treffen wir uns dann früh um 8 Uhr im Ort, frühstücken noch in einer Bäckerei, und begeben und dann zusammen auf den letzten Abschnitt. Es ist fast wie eine kleine Parabel, mit Swantje bin ich die Tage zwei bis vier zusammen gelaufen und nun endet mein Weg auch mit Ihr.
Passend für die letzte Etappe treffen wir auf dem Weg auch Robert und Doug und erzählen und gegenseitig von unseren Erwartungen, die wir hinsichtlich des Endes unseres Camino haben. Keiner von uns weiß so richtig, wie ihn die Ankunft in Santiago de Compostela, auf die wir nun seit über einem Monat hinarbeiten, beeinflussen wird. Es wirkt fast wie ein surreales Ziel, unwirklich und mystisch, doch es wird bald zur Realität werden.
Der Weg selbst, den wir an diesem Tag laufen, ist wenig spektakulär. Es geht über diverse Anstiege und Senken, die wir gemeinschaftlich als total unnötig empfinden, zunächst durch Eukalyptuswälder und kleine Dörfer, dann an Industriebetrieben und einer Rundfunkstation vorbei.

Es ist relativ frisch und es weht ein böiger Wind bei ungefähr 12 Grad. Die Sonne ist uns an diesem Tag, wie schon so oft, wohl gesonnen und begleitet uns bis zum Ziel. Wir passieren den kleinen Flughafen von Santiago de Compostela, gehen dann durch Vororte und fragen uns die ganze Zeit, wann endlich die Kathedrale am Horizont auftauchen wird. Wir erleben die Spannung bis ganz kurz vor dem Ende. Erst weniger hundert Meter vor dem Ziel sehen wir die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela. Im Durchgang zum Praza do Obradoiro, galizisch für Werkstattplatz, spielt ein Einheimischer Dudelsack und erzeugt damit ein starkes Gänsehautgefühl. Als wir auf den Platz hinaustreten, sehen wir eine Horde von Pilgern, die sich gegenseitig in den Armen liegen, auf dem Boden vor der Kathedrale sitzen oder Fotos von sich und ihren Freunden schießen.

Ich bin kaum angekommen, da läuft auch schon Mike auf mich zu und umarmt mich und gratuliert mir Ankunft in Santiago de Compostela. Er hatte seinem Camino schon einen Tag vorher beendet. Unsere Wege kreuzten sich bereits in Roncesvalles, als wir in ein Zweierabteil zusammen eingeteilt wurden. Es fühlt sich an, als wäre es eine Ewigkeit her. Mike wird morgen nach Finistere weiterlaufen, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Für mich habe ich einen anderen Plan ersonnen. Ich fliege nach Teneriffa, verbringe dort ein paar Tage der Erholung und Reflektion und kehre dann nach Hause zurück. Die 779 Kilometer stecken mir doch ein wenig in den Knochen und die möchte ich daher mal hochlegen oder im Meer treiben lassen. 👣

Ich schweife ab. Nachdem wir uns alle begrüßt haben, laufen wir einfach einmal ums Eck und lassen uns vor einer Bar mit Blick auf die Kathedrale nieder. Zur Feier des Tages gibt es ein großes, kaltes Radler und Anekdoten aus den vergangenen Wochen. Nur kurz darauf erreichen und Robert und Doug den Endpunkt des Camino Francés und stoßen nach einer herzlichen Begrüßung und Beglückwünschung ebenfalls zu uns.


Wir treffen uns später am Abend noch zum Abendessen und feiern in wechselnder Besetzung bis kurz vor Mitternacht. Im Frühjahr oder Sommer nächstes Jahr, brauche ich mal Robert in der Nähe von Edinburgh, erhält mich herzlich eingeladen. Danke Robert, ich verweile gern ein paar Tage auf Deiner Couch. 😃 Der harte Kern feiert noch bis 3 Uhr, jedoch ohne mich, denn mir ist kalt und ich bin hundemüde. Die Anspannung fällt langsam von mir ab und weicht einer inneren Ruhe. Mein Hostel ist modern und die Zimmer haben nur wenige Betten, daher bin ich frohen Mutes, dass ich gut schlafen werde.
Was ist das Fazit dieses Camino Francés für mich? Nun, ich war mir nicht sicher, ob ich ihn bis zu Ende würde laufen können oder auch wollen. Bis auf wenige Tage in der Mitte war ich immer motiviert und hatte den unbedingten Willen in Santiago de Compostela anzukommen, zu Fuß und mit meinem Rucksack auf dem Rücken, ohne jemals den Bus oder ein Taxi für eine Strecke genommen zu haben. Das war mein Anspruch und dem konnte ich gerecht werden. An den Tagen, an denen ich nicht so motiviert war, hat mit der Camino das gegeben, was ich in dem Moment gebraucht habe, so unterschiedlich es sich auch darstellte. Ihn komplett allein zu laufen ist nicht wirklich wünschenswert, er lebt durch die Bekanntschaften, die man macht, die Erfahrungen die man teilt und die Hürden, die man gemeinsam überwindet. Ein großer Dank geht daher an Swantje, Mike, Robert, Doug, Janis, Roberta, Maud, John und Jo und viele andere, die geholfen haben dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Ich nehme ein größeres Vertrauen in mich selbst, eine innere Ruhe und viele gute Ideen mit nach Hause. Was davon die Zeit und den Alltag übersteht, werden wir sehen. Heute bin ich zuversichtlich, dass mir Einiges bleiben wird. 😁
Ein großer Dank geht auch an Brooks, dem Hersteller der Laufschuhe mit denen ich über Stock und Stein, Felsen, Wald und Wiesen und durch Pfützen und Bäche aller Art gegangen bin. Sie haben entgegen aller Erwartungen bis zum Ende durchgehalten und mir das Wandern so viel angenehmer gemacht, als es mit schweren Wanderschuhen gewesen wäre.
Zuletzt möchte ich noch meiner lieben Frau Nadja danken, die den größten Anteil an diesem Erfolg hat. Sie hat mich stets bestärkt diesen Weg zu laufen und war beharrlich, wenn ich an meinen eigenen körperlichen Fähigkeiten gezweifelt habe. Schlussendlich überzeugte sie mich dieses Abenteuer zu wagen. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich niemals losgelaufen und hätte all das nicht erleben können. 😘
Kommentare
Noch keine Kommentare.
Schreib etwas dazu