Camino Francés · Etappe 1
Etappe 1, Tag 2
Jeden Moment rechne ich mit einem Einbruch, es kann ja nicht sein, dass ich die gestrige Etappe einfach so weggesteckt habe. Ich laufe wieder den Berg hinauf, in Orisson ging es los, …
Tag 2 · Etappe 1 · Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles · 24,2 km laut Führer
Jeden Moment rechne ich mit einem Einbruch – es kann ja nicht sein, dass ich die gestrige Etappe einfach so weggesteckt habe. Ich laufe wieder den Berg hinauf. In Orisson ging es los, noch 17 km bis Roncesvalles. 800 Höhenmeter sollen noch kommen, jedoch weniger steil.
Nach acht gelaufenen Kilometern fühle ich mich großartig. Mir tut nichts weh und ich bin auch nicht außer Atem. Dennoch habe ich die Strecke in weniger als zwei Stunden geschafft. Läuft bisher. Die Szenerie ist atemberaubend: Mir eröffnet sich ein Blick auf das spektakuläre Bergpanorama der Pyrenäen. Es ist still, kaum jemand ist zugegen, vielleicht noch drei weitere Pilger. Der Wind pfeift mächtig über den Kamm und trotz der kräftigen Sonneneinstrahlung ist mir fast ein wenig kalt. Die grünen Hänge der mittelgebirgsähnlichen, aber baumlosen Gipfel werden von vielerlei Getier bewohnt. Meist sind es jedoch Schafe, die nur allzu gern den Boden mit dunklen Kullern beglücken. Ich bleibe dann mal auf der Straße und überlasse die Wiese den Vierbeinern.

Der Weg zieht sich schier endlos und man denkt nach jeder Biegung, dass doch bald das Ziel kommen müsste. Dennoch sind die ersten zehn Kilometer vergleichsweise mild gegenüber den gestrigen Strapazen beim Aufstieg. Es geht insgesamt ca. 800 Meter bergauf und ab einem gewissen Punkt merkt man das auch. Trotzdem tragen mich meine Beine auf diesem Stück, als wäre ich wieder 25. Ein Gefühl der Dankbarkeit kommt in mir auf – in diesem Fall gegenüber meiner Frau, die mich mehr oder weniger dazu überredet hat, diesen Weg zu gehen.


Im Gegensatz zu gestern ist der Camino heute vom Terrain her äußerst vielseitig. An asphaltierte Straßen schließen sich schmale Wanderpfade den Berg hinauf an, die recht plötzlich in Schotterwege auf felsigem Untergrund übergehen. Ich versuche, die spitzen Steine so gut es geht zu vermeiden, und bewege mich komplett im Flow vorwärts. Links und rechts lasse ich andere Pilger hinter mir zurück, da ich wirklich schnell unterwegs bin.


Es geht durch einen dichten Wald, der den Weg umschließt. Es ist schattig und angenehm kühl. Nach einer Weile komme ich auf eine Lichtung, sehe Pferde grasen und eine kleine Schutzhütte am Wegesrand. Ich entscheide mich, eine Rast einzulegen und meinen Füßen eine Pause zu gönnen. Es werden fast 30 Minuten, in denen ich darüber nachdenke, was bisher so passiert ist. Die Stimmung ist magisch und der Akku lädt wieder auf. Man hat einen klaren Blick zurück ins Tal, das inzwischen ganz weit weg erscheint.
Da alle guten Dinge irgendwann enden müssen, schließt sich an den Schotterpfad ein von spitzen Steinen, Felsen und Geröll geprägter Weg an, der wirklich anstrengend ist. Ohne meine Trekkingstöcke wäre ich hier aufgeschmissen gewesen. Jeder einzelne Schritt bergauf oder bergab wird dadurch stabilisiert und meine Knie werden geschont.
Ganz oben angekommen, schaue ich mir den Weg nach Roncesvalles an. Es geht, wie ich vorher bereits wusste, extrem steil den Berg hinab. Lose Steine, Laub und Wurzeln, die zum Hinfallen einladen, prägen diesen Abschnitt. Auch hier sind meine Trekkingstöcke wieder pures Gold und ich komme sicher durch diese Passage, die mir alles abverlangt. Als ich doch einmal zu rutschen anfange, halten mich die Stöcke aufrecht. Meine Knie zittern aufgrund der Anstrengung und ich hoffe, dass es bald flacher wird. Ich bin klar zu schnell unterwegs für diesen Teil des Weges. Allein langsamer zu laufen hätte es nicht wirklich verbessert, also sprinte ich den Berg hinunter, bis der Pfad in einen dichten Wald übergeht und sich der Untergrund langsam bessert. Auf weichem Waldboden fliege ich an anderen Pilgern vorbei und meinem Ziel entgegen. Mein Körper scheint sich langsam an die Strapazen anzupassen – bilde ich mir zumindest ein. Morgen früh wird sich zeigen, ob ich damit richtig liege.



Der befürchtete Einbruch blieb heute aus und ich erreichte Roncesvalles gegen 14 Uhr nach ca. 5 Stunden teils anspruchsvollen Weges.
In Roncesvalles angekommen, checke ich zunächst in die spektakuläre Pilgerherberge ein, bei der ich gestern noch einen Platz ergattert habe. Erst später erfahre ich, wie viel Glück ich hatte: Sie sind komplett ausgebucht – und das bei fast 400 Betten! Es gibt im Umkreis von circa 6 km keine Herberge mehr, die freie Betten hat. Wow! Ein älteres Ehepaar aus England, John und Jo, die ich gestern kennengelernt hatte, musste nach der anstrengenden Etappe noch einmal 6 km weiterlaufen. Das tat mir sehr leid, aber ich konnte es nicht ändern und ich hoffe sie noch einmal auf dem Weg zu treffen. Vor allem aber wünsche ich den beiden alles Gute auf ihrem Camino, John ist immerhin an die 70 und gerade Rentner geworden, ein bisschen Unterstützung vom Universum kann nicht schaden.
Die Herberge selbst befindet sich in einem historischen Gebäude, das Schritt für Schritt modernisiert wird und einen exzellenten Standard für Pilger bietet. Die Betten befinden sich auf drei Etagen in großen, offenen Räumen, die in kleinere Zweierabteile unterteilt sind. Es wurde an alles gedacht: Jeder hat einen eigenen, abschließbaren Spind. Das ist zumindest der Stand im dritten Obergeschoss; ich glaube, es ist noch nicht überall so weit.

Mein Abteilgenosse ist Mike, ein 26-jähriger Feuerwehrmann aus Massachusetts, mit dem ich gleich ins Gespräch komme. Das Abendessen ist erst um 19 Uhr angesetzt und Mike hatte Hunger. Die Gelegenheit war also günstig und so haben wir uns im hiesigen Gasthaus noch zwei Bier gegönnt, die zumindest bei mir heute besonders gut wirkten. Mike erzählte mir interessante Geschichten aus den Staaten und ich habe ein paar Anekdoten von meinen Reisen zum Besten gegeben. Nebenbei konnte ich in der Taverne mein Spanisch anwenden und es klappte schon ziemlich gut. Ich komme klar in Spanien – warum auch nicht, ich mag das Land und die Leute hier.

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