Camino Francés · Etappe 24
Das Unglück
Tag 27 · Etappe 24 · Foncebadón nach Ponferrada · 26,8 km laut Führer
Ich war froh, als ich in Foncebadón angekommen war. Es war alles organisiert, Unterkunft, Abendessen und der Folgetag inkl. Hostel. Zur Entspannung lag ich auf meiner Koje auf dem Dachboden und machte einen kleinen Mittagsschlaf. Als ich mich kurz umdrehe, macht es klong und mein Handy liegt auf dem gefliesten Fußboden. Das Bett ist nur gut 35cm hoch, also kein Problem, denke ich mir. Nach dem Abendessen will ich mein Handy laden und wundere mich, dass es genau dies nicht tut. Steckdose, Ladegerät, Kabel – nach und nach schalte ich alle potenziellen Fehlerquellen aus, bis ich erschrocken feststelle: Es liegt am Handy! 😲

Wir alle wissen, wie abhängig wir zeitweilig von unserem digitalen Begleiter sind. Auf dem Camino ist dies noch einmal potenziert. Alles läuft über das Handy, Bekanntschaften, Buchungen, Planung, Musik, Fotografie und vieles mehr. Ohne Handy ist man komplett aufgeschmissen! Was also tun? Der Akku lädt nicht mehr, sonst funktioniert es weiterhin einwandfrei. Zum Glück geht es morgen nach Ponferrada und damit in eine größere Stadt. Vielleicht habe ich ja Glück und man kann es dort reparieren. Bis dahin bin ich auf mich selbst gestellt.
Am nächsten Morgen geht es nach einem soliden Frühstück und einem mulmigen Gefühl weiter. Der höchste Punkt des Camino steht an und danach ein gnadenloser Abstieg ins Tal.

Andreas war so nett mich ein paarmal abzulichten, sonst hätte ich von diesem Tag gar keine Fotos gehabt. 😢 Der Punkt selbst ist Anlass in sich zu gehen. Das Ritual funktioniert wie folgt: Man legt einen mitgebrachten Stein, der für persönlichen Schmerz, Sorgen, Ängste und Probleme steht, dort zurück. Danach ist mein Rucksack 100g leichter. 😃

Nach einer kurzen Verschnaufpause bei 4 Grad Außentemperatur, geht es auf den Abstieg.

Die Landschaft ist atemberaubend. Man sieht in der Ferne die Gipfel der umliegenden Berge und kann an diesem Tag bestimmt 50km weit sehen. Kein Bild kann das Gefühl des Erlebens wiedergeben.
Nach und nach wird der Abstieg immer brutaler. Anfangs geht es noch ein paar Waldwege hinab, irgendwann wird es felsiger Untergrund mit Schottereinlagen. Weiter unten dann ist es zu 100% Gebirgstrekking. Absätze von 40 oder 50cm, schroffe Felsen und gefühlt 40% Gefälle sind plötzlich Realität auf dem Camino Francés. Wirklich krass! Ohne Trekkingstöcke wäre ich hier vielleicht nicht sauber runtergekommen.
Unten angekommen folgt Molinaseca, ein malerisches Bergdorf, geprägt durch einen Fluss und alte Steinhäuser aus vergangener Zeit. Ich wäre gern geblieben, aber Ponferrada wartet auf mich und damit die Chance auf ein Happy End mit meinem Telefon.
Ziemlich entkräftet, erreiche ich nach gut 6 Stunden Marsch und 28km Strecke um 15 Uhr Ponferrada, checke ins Hostel ein und begebe mich nach der obligatorischen Dusche direkt in die Stadt um mein Problem zu lösen.
Weitere 6-7 km, 20€ Bestechungsgeld und 5 Stunden später, halte ich mein Handy mit voller Funktion wieder in den Händen und laufe strammen Schrittes mit T-Shirt und kurzer Hose bekleidet, im Dunkeln, zurück ins Hostel. 🥶 Ich bin total erleichtert, froh und falls todmüde ins Bett.
Von Ponferrada habe ich vor allem einen Dominos Pizza, diverse Handyshops und ein paar Bäckereien gesehen, in denen ich gewartet habe. 🙄

Kommentare
Noch keine Kommentare.
Schreib etwas dazu