Camino Francés · Etappe 27
O Cebreiro und der Abstieg nach Triacastela
Tag 30 · Etappe 27 · La Laguna de Castilla nach Triacastela · 23,0 km laut Führer
Die Nacht war unruhig und ich bekam nicht viel Schlaf. Dementsprechend müde bin ich, als ich kurz nach 6 Uhr aufstehen. Niemals die Ohrstöpsel vergessen! Ich hätte es wissen müssen. Nun denn, es gibt Frühstück direkt in der Herberge und danach sieht die Welt schon wieder freundlicher aus. Um 8 Uhr begebe ich mich mit Neah aus Seattle auf den Weg zum Gipfel, der nur knapp 2 km entfernt ist. Während des Aufstiegs werden wir mit den schönsten Farben belohnt, die ein Morgen in den Bergen bieten kann. Die Sonne kriecht langsam hinter den Pässen in der Ferne hervor und taucht die grüne Landschaft in sanftes Zwielicht.

Wir erreichen den Gipfel sehr schnell und verweilen für knapp 20 Minuten um den Sonnenaufgang zu betrachten. Meine Pilgerfreunde Robert und Co. sind auch schon da und haben sich auf einer Mauer mit Blick in die Ferne niedergelassen. Kaum jemand redet und wir saugen stattdessen den Moment in uns auf, den kein Bild jemals wird wiedergeben können.

Wir schießen dennoch alle gefühlte 200 Fotos und machen uns dann widerwillig auf den Weg.

Der Rest des Weges ist wider Erwarten extrem anstrengend. Es geht mehrfach steil bergab und dann wieder lang anhaltend bergauf. Diese 25km hatte ich mir anders vorgestellt und ich bin nach der letzten Nacht auch nicht in Hochform. Dementsprechend langsam gehe ich es an, Neah läuft für eine Weile weiter mit mir und erzählt mir ein paar Geschichten aus ihrem Leben. Als sie erwähnt, dass sie zwei Jahre beim Peace Corps in Ruanda war, ohne fließendes Wasser und andere Annehmlichkeiten, bin ich sehr beeindruckt. Sie erzählt mir auch, wie die Leute mit den furchtbaren Ereignissen von 1994 umgehen und umgehen müssen. Die Erzählung bewegt mich tief und verschiebt meine Perspektive hinsichtlich eigener Erlebnisse deutlich. Irgendwann verabschiedet sich Neah und ich laufe den Rest des Tages allein weiter und denke nach.

Als ich gegen 15 Uhr in Triacastela ankomme, habe ich noch keine Unterkunft. Ich spekuliere auf etwas Verhandlungsspielraum bei Privatzimmern, die um diese Zeit noch nicht vermietet worden sind. Mehr als 50 Euro will ich nicht ausgeben, möchte aber unbedingt ein Einzelzimmer, da ich todmüde bin von der Etappe und der vorherigen Nacht. Ich kann mein Glück kaum fassen als auf Booking.com ein sehr gut bewertetes Hostel ein Zimmer für 37 Euro anbietet. Ohne lange zu überlegen schlage ich zu, laufe die 350m bis zum Hostel, checke ein, bin total begeistert und widme mich dann augenblicklich einer heißen Dusche.

Gegen Abend laufe ich zu einem der beiden Restaurants, die an diesem nationalen Feiertag geöffnet haben und treffe auf Janis aus Kanada, die mir von einem Problem mit ihrem Bein erzählt und nicht weiß, ob sie weiterlaufen kann. Ich überzeuge sie morgen nicht die Etappe nach Sarria zu laufen und sich stattdessen dort im Krankenhaus durchchecken zu lassen und sie lässt sich zum Glück überzeugen. Janis ist tough, aber achtet im gleichen Atemzug auch zu wenig auf sich. Sie rennt über den Weg als gäbe es kein Morgen und macht wenige Pausen. Mit Job und Kindern hat sie es Jahrzehnte so gemacht und diese Gewohnheiten sind schwer abzulegen. Auf dem Camino, der wegen der langen Distanz an die Substanz geht, rächt sich das irgendwann, so wie auch hier geschehen.
Wir haben trotzdem eine gute Zeit beim Abendessen, ich bekomme ein kostenloses Dessert und Janis meint nur, wie viel Glück ich wieder gehabt habe. Sie hat recht.

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